51. Spielzeit | 2017/2018
Kartentelefon:
 (09721) 51 4955
 (09721) 51 0
Theaterkarten online
30-Tage-Vorschau
Kontakt & Anfahrt
Newsletter
Die Chance des Theaters

Dr. Günther Fuhrmann zur Eröffnung des Hauses im Dezember 1966

Seit dem Beschluß des Stadtrates vom 4. Januar 1961 über den Bau des Theaters sind mehr als fünf Jahre vergangen. Das Ergebnis wird heute festlich eröffnet. Natürlich wird es nun die Frage geben, ob es denn erlaubt sei, ein Theater zu bauen - in finanziell so schwierigen Zeiten, und ob nicht diese oder jene Bau-"maßnahme", Schulen, Krankenhaus oder Straßen etwa vordringlicher und damit notwendiger gewesen wären. Man muß diese Frage und die Alternativen für berechtigt ansehen, wenn sie auch in der Tat zu simpel sind. Es ist ja eine alte Polemik. Aber man kommt damit in Wahrheit nicht bis dorthin, von wo aus sich die Frage beantworten läßt: was ist (eigentlich) eine Stadt?

Nun es gibt nicht Wenige, die, nach dem Motto "man lebt um zu arbeiten", meinen, eine Stadt sei eine Anhäufung von Arbeits- und Wohnmaschinen, und es sei also nur eine Sache der Multiplikation, ob diese "Stadt" klein, groß oder am größten sei. Dem braucht man sicherlich für die Majorität keine besonderen Argumente entgegenzuhalten. Es ist wahrscheinlich auch nicht erforderlich, die alten Griechen zu bemühen (obwohl sich das immer gut macht) und von der "polis" zu sprechen. Dort war das Theater Mittelpunkt politischen, geistigen, religiösen Stadt-Empfindens. - Was aber gehen uns die alten Griechen an? - Sehr viel, denn ihnen verdanken wir Betrachtungsweisen, die auch heute noch verbindlich sind für viele Formen menschlichen Zusammenlebens.

Und in der Tat sind es ja die kulturellen Leistungen, die im Rückblick auf die Geschichte eines Volkes, einer Stadt, ais die bleibenden Grundwerte erkennbar werden. Nur Kulturbewußtsein prägt das Gesicht einer Stadt, niemals die Menge des Geldes, die man in ihr verdient. Und so zählt wohl zu Recht das Theater zu den Bauwerken, in denen sich am deutlichsten städtisches Bewußtsein ausdrücken kann. Denn Theater bietet die Chance, daß der Mensch in der Begegnung mit sich selbst sich seiner selbst bewußt wird - weil nämlich Theater immer und zu allen Zeiten die Sprache des Menschen spricht: im Wort, im Bild, im Klang Im Dabeisein entsteht mehr als bloße Abendunterhaltung; es entsteht Gemeinsamkeit. Damit wachsen Kräfte gegen die Langeweile, gegen die Verödung, die neben uns und in uns dauernd entstehen in den aufreibenden Geschäften des Alltags. Verödung und Langeweile entfremden uns voneinander, und Gemeinschaft zerfällt. Nachbarschaft im alten städtischen Sinne wird zerstört durch Kontaktlosigkeit: jedermann flieht in seine eigene Oase der Stille, oder man findet sich im unverbindlichen Geplauder "gemütlichen Runden".

Durch das Theater aber kann und soll sich Gesellschaft bilden: Gemeinschaft gleichberechtigter Partner, nicht natürlich "gute Gesellschaft" im Sinne abgelebter Bourgeoisie. Das Theater ist der Versuch, Stadt von außen nach innen zu verlegen, einen Ort zu schaffen, an und in dem sich echte Urbanität vollzieht. Denn unsere Zeit besteht ja oft und im wesentlichen aus entgegengesetzten Kräften. So baute sich die alte Stadt auf der Suche nach sich selbst ihr Theater als einen "Ort des Austausches, wo wir miteinander sprechen dürfen, und damit, so sagt es Jaspers, "Ort der Freiheit, wie wir sie verstehen". Was aber nützt ein solcher Bau, und mag er noch so schön, und vielleicht auch zweckmäßig dazu, sein - wenn in ihm nichts zu spüren ist vom Geiste: es wäre eine leere, entseelte Prunkmaschine. Es muß also gelingen, den Bau mit dem Geist und dem Flimmer, dem Glanz und dem bohrenden Argwohn, anzufüllen - mit all dem, was Theater ausmacht (neben anderem natürlich).

Und kann das geschehen mit der "geborgten" oder "eingekauften" Ware Theater, mit Gastspielen also? Herkömmliches Denken, traditionsverdummter Kirchturm-Blickwinkel, wird die Frage unbesehen verneinen. Denn es gibt (scheinbar) nirgendwo besser verankerte Tabus als im Bereich des Kulturellen; und zumal in Deutschland. Man weiß vom Schwinden der Ensemblekultur des weithin in der Welt bewunderten deutschen Repertoiretheaters. Trotzdem gibt es immer noch Städte, die große Opfer auf sich nehmen, um diese Struktur zu halten. Man muß ihnen Dank sagen dafür. Aber nicht jede Stadt kann sich sogleich und sofort allein "eigenständiges Theater" zulegen, besonders dann nicht, wenn sie es nie in ihrer Geschichte besessen hat. Was nützt also die modisch gewordene Attacke der sogenannten "traditionsbelasteten Städte" gegen die "neureichen Industriestädte"? Es klingt nur schön polemisch und liest sich auch gut. Das ist alles. Die Zeit wird nicht mehr allzu ferne sein, und man wird auch hier und da liebgewordene Autonomien aufgeben und neue Formen der Zusammenarbeit finden müssen. In Zeiten überregionaler Wirtschaftsplanungen sollte man im kulturellen Bereich ebensoweit schauen. Auf dem Wege dahin ist notwendig, in den Städten Spielmöglichkeiten zu schaffen, also Theater zu haben, damit Zusammenarbeit überhaupt vonstatten gehen kann.

Zunächst jedoch ist wichtig allein die Ernsthaftigkeit, mit der kulturelle Werke und Werte in den Alltag eingebracht werden. Und so sollte dieses neue Theater in Schweinfurt verstanden werden als eine Spielstätte, auf der sich durch Gastspiele die verschiedensten Stile und Grade deutscher Theaterkultur präsentieren als untereinander völlig gleichberechtigte Leistungen. Dieses Theater wird eröffnet in einer Zeit, in der die materiellen Dinge mehr zu bedeuten scheinen, als sie in Wahrheit sind. Wir wollen nicht hoffen, daß dieses Theater immer den Beifall aller findet; denn dann haben unsere Spielpläne nicht funktioniert. Wir wollen dieses Theater also auch verstanden wissen als Herausforderung an den satten Alltag, der uns müde macht.